V.l.: Hans-Jürgen Mittelstaedt, Lars Baumgürtel, Garrelt Duin, Dr. Henning Friege, Prof. Dr. Michael Dröscher, Tom Hergermann, Peter Karst. Foto: André Chrost. V.l.: Hans-Jürgen Mittelstaedt, Lars Baumgürtel, Garrelt Duin, Dr. Henning Friege, Prof. Dr. Michael Dröscher, Tom Hergermann, Peter Karst. Foto: André Chrost.

Von der Faszination des Kreislaufs

ChemSite-Chemieforum NRW diskutiert mit NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin die Chancen zirkulärer Wertschöpfung

MARL. Der effiziente Einsatz von Ressourcen ist für die chemische Industrie seit jeher ein wichtiger Wettbewerbsfaktor. Durch zirkuläre Wertschöpfung könnte die Effektivität der Branche noch einmal gesteigert werden – das war ein Fazit des Chemieforums NRW, zu dem die Chemsite-Initiative nach Marl eingeladen hatte. Wirtschaftsminister Garrelt Duin räumte der zirkulären Wertschöpfung steigende Bedeutung für die NRW-Wirtschaft ein: „Das ist ein Bereich, in dem wir Potenzial sehen und Motivation geben wollen“ – gerade mit Blick auf die Exportfähigkeit der heimischen Wirtschaft.

Die Keynote vor über 120 Fachbesuchern im Informationszentrum des Chemieparks hielt Prof. Dr. Henning Friege, dessen Nachhaltigkeitsberatung sich seit Jahrzehnten mit zirkulärer Wertschöpfung beschäftigt. Der Experte berichtet von der „Faszination des Kreislaufs“ und sah gerade in der Chemie hohe Wertschöpfungs-Potenziale: „Die Chemieindustrie hat hervorragende Chancen, das Ressourcenmanagement gemeinsam mit anderen Akteuren – darunter ihre Kunden sowie der Landwirtschaft und der Abfallwirtschaft – zu verbessern“, so Prof. Friege.

Allerdings gebe es dabei eine Reihe von Stolpersteinen: Der Trend zu immer höher verdichteten Speicherchips und immer kleineren Bauteilen mache es heute nahezu unmöglich, die enthaltenen Spurenmetalle wirtschaftlich effizient zurückzugewinnen. Ähnlich schwierig sei das Recycling von komplex zusammengesetzten Produkten mit tausenden von  Baugruppen wie zum Beispiel Autos oder Elektronik-Geräten. Zudem habe Recycling immer eine soziale Dimension: In wohlhabenden Ländern werde der Lebenszyklus vieler hochwertiger Produkte wie etwa Laptops immer kürzer ­ – und der Anreiz zum Reparieren oder Verwerten sei oft kaum noch gegeben.

Keine Verwertung ohne ökonomischen Anreiz

Diese Sicht teilte auch Hans-Jürgen Mittelstaedt, Geschäftsführer der VCI NRW:„Es muss eine Knappheit der verwertbaren Güter da sein – erst dann ist ein ökonomischer Treiber vorhanden, dass es sich lohnt.“ Mittelstaedt betonte, dass zirkuläre Wertschöpfung für die chemische Industrie kein neues Thema sei: „Die Chemiestandorte in NRW sind ein Verbundsystem, das schon heute effiziente Wertschöpfung erleichtert“, so der VCI-Geschäftsführer.

Den Blick auf Effektivität richten

Der Fokus auf effiziente Produktion reicht aber nicht aus, erklärte Lars Baumgürtel in seinem Praxisvortrag: Erst, wenn der Blickwickel auf die absolute Effektivität einer Produktion bis zum „End of Life“-Punkt erweitert werde, stellten sich weder Wachstumsgrenzen noch Ressourcenprobleme, so der geschäftsführende Gesellschafter der Voigt & Schweitzer GmbH & Co. KG.

Nachhaltiges Life-Design

Das größte Potenzial erkannte auch ChemSite-Vorsitzender Prof. Dr. Michael Dröscher in Produktentwicklungen, die zirkuläre Wertschöpfung von Beginn an mitdenken:  „Es muss ein Life-Design sein, das die Lebensdauer optimiert und die Verwertung am  Ende des Lebenszyklus berücksichtigt.“ Auch NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin  sah auf der Grundlage einer neuen Studie jedoch durchaus Chancen, besser zu werden: „Wenn zu der hohen Expertise, die wir in NRW in  der Chemie haben, noch ein nachhaltiges Produktdesign kommt, dann wird daraus etwas wachsen können“, so Duin. „Wir sollten uns daher fragen: „Gibt es eine Möglichkeit, Akteure in der Wertschöpfungskette zusammenzuführen, so dass sie besser vernetzt sind?“

Sorge um Vielfalt der Produktpalette

„Wenn man zirkuläre Wertschöpfung realisieren will, braucht man häufig reine Materialflüsse – mit dem Face-out von Stoffen, die Probleme beim Recycling verursachen.“ Das dürfe allerdings nicht bedeuten, bestimmte problematische Stoffe von vornherein auszuschließen, forderte Mittelstaedt – sonst bestehe die Gefahr, dass die wichtige Vielfalt der chemische Industrie durch Vorgaben eingeschränkt werde und ihre Konkurrenzfähigkeit leide.

Lernen von der Industrie: Chancen beim Mittelstand 

Diese Befürchtung wies Garrelt Duin zurück: „Es geht nicht darum, nach dem Ordnungsrecht als Keule zu greifen, sondern es geht darum, Kompetenzen für zirkuläre Wertschöpfung zu entwickeln und in die Breite zu tragen“, so der Wirtschaftsminister. Mit Blick auf den Mittelstand erkennt man, dass sich viele kleinere Unternehmen noch gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hätten. Hier gelte es Chancen auszuloten­ –  immer im engen Kontakt mit der chemischen Industrie.

Bei allem Optimismus verwies Prof. Dr. Michael Dröscher auf die hohe Komplexität des Themas: „Wir leben in einer Welt, in der heute nicht vorhergesagt werden kann, wie Wertschöpfungsketten in 25 Jahren aussehen“, so der ChemSite-Vorsitzende. „Das bedeutet: „Zirkuläre Wertschöpfung ist für die Industrie eine Herausforderung und Chance – und für Mittelständler eher eine Möglichkeit, den Pionieren schnell zu folgen.“